Ausbildungsprinzip

Lernen an der eigenen Person

Im liturgischen Kurs üben Vikarinnen und Vikare, sich im Talar angemessen zu bewegen und eine unangemessene Scheu vor dem Gewand zu überwinden. Wer beim liturgischen Schreiten nicht ganz aufmerksam ist (liturgische Präsenz!) kann über seinen Talar stolpern und eine Bauchlandung vor dem Altar machen, was liturgisch nicht vorgesehen ist… Fortsetzung folgt …

Das Lernen im Predigerseminar bezieht grundsätzlich die eigene Person immer mit ein. Rückmeldungen zur Selbst- und Fremdwahrnehmung haben ihren festen, geschützten Raum. Sie fordern heraus, aber eröffnen auch die Chance zum besseren Verstehen interaktionaler Prozesse. Das Predigerseminar selbst ist im Vikariat eine besondere „Lebensform“ und bietet die Chance, intensiv miteinander zu arbeiten und die Tage auch mit Formen geistlichen Lebens zu strukturieren. Zum gemeinsamen Leben gehören auch die Mahlzeiten, Freizeit und Erholung.


Das eigene Profil entwickeln

Haus Woydack

In allen Ausbildungsphasen und an allen Ausbildungsorten zielt das Konzept auf die Ausbildung der für den Pfarrberuf erforderlichen Kompetenzen. Der Beziehungsaspekt der pastoralen Arbeit steht dabei gleich neben dem theologischen Aspekt. Die Lebenserfahrungen und die bereits mitgebrachten Interessen und Kompetenzen auf unterschiedlichsten Gebieten sollen im Vikariat weiterentwickelt und für die eigene pastorale Existenz fruchtbar gemacht werden. Dabei beschreibt der Wechsel von Praxisphasen und Reflexionsphasen den wesentlichen Rhythmus unserer Ausbildung. Lernen im Vikariat geschieht nicht nur im praktischen Tun und sich Ausprobieren, sondern auch mit Hilfe des regelmäßigen Innehaltens und Nachdenkens auf dem Weg in das Amt der Pastorin oder des Pastors: Wie will und wie kann ich Pastorin oder Pastor sein, in der Kirche und für die Gesellschaft?


Die Ausbildungsbeziehung als Lernfeld

Kennenlernen im Minutentakt: nur 7 Minuten stehen für den ersten Eindruck zur Verfügung. Dann muss eine Wahl getroffen werden.

Knappe sieben Minuten können über zwei ganze Jahre entscheiden! So viel Zeit steht beim ersten Aufeinandertreffen jeder zukünftigen Vikarin und jedem zukünftigen Vikar zur Verfügung, um sich ein Bild über einen der zur Verfügung stehenden Anleiter zu machen. Dann ertönt eine Klingel und nach einer dreiminütigen Pause für Notizen steht bereits das nächste Kurzgespräch mit einem potentiellen Anleiter an.

Beide Gesprächspartner haben die Möglichkeit, in den 7 Minuten festzustellen: Mit dieser Person kann ich mir ein Ausbildungsverhältnis gut vorstellen. Oder womöglich – ein Eindruck, der gelegentlich auch eintritt – überhaupt nicht, das passt nicht.
Der erste Eindruck wird darüber entscheiden, in welche Gemeinden und damit zu welchen Anleiter/innen sich wer von der Ausbildungsgruppe aufmachen wird, um sich das mögliche Ausbildungsfeld genauer anzusehen.
Mit dem Vikariat beginnt eine ebenso spannende wie lehrreiche Zeit, in der sich zwei Menschen, die einander zuvor in der Regel noch nie begegnet waren, intensiv erleben und kennen lernen werden. Die Qualität dieser Beziehung ist entscheidend für das Erleben und das Gelingen des Vikariates.

Die Aufgabe der Anleiter/innen ist es ja nicht nur, ihren Vikaren die tägliche pastorale Arbeit zu zeigen und diese mit ihnen einzuüben. Sie werden die ihnen Anvertrauten auch in der Gesamtheit ihrer Persönlichkeit wahrnehmen, ihre Stärken und Schwächen erleben, Erfolge und Krisen ebenso, und sie sollen und werden ihnen umfangreich Rückmeldung geben. Umgekehrt lassen sich Anleiter/innen in hohem Maße darauf ein, auch selbst gesehen zu werden, mit ihren eigenen Stärken und Schwächen, Schwierigkeiten, Erfolgen und Misserfolgen. Auch sie werden in einer gelingenden Ausbildungsbeziehung Seiten ihrer Persönlichkeit offen legen, die anderen sonst eher verborgen bleiben.

Um das Gelingen der Ausbildungsbeziehung zu fördern, wird zwischen Anleiter/in und Vikar/in ein informeller „Vertrag“ geschlossen, der die wichtigsten Voraussetzungen und Absprachen für die Ausbildungszeit und das Ausbildungsverhältnis vorher klärt. Natürlich kommt es gleichwohl zu Konflikten und Auseinandersetzungen in der Beziehung zwischen Vikar und Anleiter. Dann kommt die zweite Ausbildungsebene ins Spiel: der Regionalmentor bzw. die Regionalmentorin des Vikariatskurses. In Gesprächen mit ihm oder ihr wird routinemäßig auch die Ausbildungsbeziehung zur Sprache gebracht.

(von Andreas Riebl, Regionalmentor und mehrfach Anleiter im Vikariat)