Geschichte des Predigerseminars

Das heutige Prediger- und Studienseminar der Nordkirche ist eine Fusion aus dem Nordelbischen Predigerseminar in Ratzeburg und dem Mecklenburgischen Predigerseminar in Ludwigslust, in dem von 2005 bis 2012 die Pastorinnen und Pastoren der Pommerschen und der Mecklenburgischen Landeskirche ausgebildet wurden.

Ein evangelischer Pastor in der Albe – das ist ein missverständliches Signal. Der Pastor unterscheidet sich nicht durch einen besonderen priesterlichen Stand von der Gemeinde, sondern durch die Aufgabe, zu der diese ihn bestimmt hat. Deshalb tragen wir einen Talar – kein Priestergewand, sondern eine Amtstracht.

Doch bereits sieben Jahre vor der Fusion wurde eine Ausbildungskooperation zwischen den Ost- und Westkirchen etabliert. Etwa ein Viertel der Predigerseminarwochen wurden gemeinsam durchgeführt. Die Vikarinnen und Vikare lernten einander kennen ebenso die Ausbilder und sie lernten auch die verschiedenen gesellschaftlichen und kirchenpolitischen Voraussetzungen der Landeskirchen einzuschätzen und die unterschiedlichen praktisch-theologischen Konzeptionen verstehen.
Seit der Gründung der Nordkirche zu Pfingsten 2012 wird die PastorInnen- Ausbildung von Ratzeburg aus organsiert, verantwortet und die Seminare zu einem großen Teil dort auch durchgeführt. Wo es vom Kursinhalt sinnvoll erscheint, finden Kurse in Ludwigslust, Breklum, in der Hamburger Missionsakademie oder in HH-St.-Georg statt.

Pfingsten 2012 Festmahl auf dem Palmberg vor dem Ratzeburger Dom

Der gesellschaftspolitische Aufbruch im Westen

In den 70er Jahren erhielt die PastorInnen-Ausbildung das bis heute grundlegende Ausbildungsformat. Ziel war es, die Kirche in die Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu bringen. Die Erkenntnisse der Humanwissenschaften wie Soziologie, Pädagogik, Psychologie wurden für die Ausbildung fruchtbar gemacht. Sie sollten aber nicht nur als Inhalte vorkommen, sondern auch Auswirkungen auf die Lernformate und Lern- und Lehrziele haben.

Das sogenannte „Drei-Orte-Modell“ praktisch-theologischen Lernens wurde entwickelt und bildet bis heute das Rückgrat der Vikariatsausbildung. Es besagt, dass die Praxisfelder (Gemeinde und Schule), die Praxisreflexion (Predigerseminar) und das personale Lernen in der Regionalgruppe aufeinander bezogen aber mit deutlich unterschiedenen Zielsetzungen den Lernprozess auf verschiedenen Ebenen in Bewegung halten. Seit dieser Zeit gibt es das Amt des supervisorisch ausgebildeten Regionalmentors, der einen Vikarskurs von Anfang bis Ende begleitet und als Supervisor und Spiritual zur Verschwiegenheit gegenüber dem Predigerseminar und dem Ausbildungsamt verpflichtet ist.
(Weiter Erläuterungen zum 3 Orte-Modell und zu den Grundsätzen der Ausbildung im Abschnitt Vikariat.


Die drei Lernorte des Nordkirchen-Vikariats


Mehrheitlich Ost-West-überschreitende Kurse

Seit der Gründung der Nordkirche wurde das Kurscurriculum und der Zuschnitt der Regionen überarbeitet. Zwei von drei Vikariatsgruppen werden Ausbildungsgemeinden in allen früheren Landeskirchen beinhalten, also ost-west-grenzüberschreitend zusammengesetzt sein. Das ist zwar mit teilweise sehr weiten Wegen für die VikarInnen und RegionalmentorInnen verbunden, bietet aber die großartige Chance, voneinander und miteinander zu lernen, wie mit den unterschiedlichen Gegebenheiten in Ost und West gemeindebildend umzugehen ist.

Stiftskirche LudwigslustVikariatskurs in Ludwigslust


Häuser schreiben Geschichte

Vikariatsausbildung wird auf dem Gebiet der Nordkirche bereits seit über 100 Jahren in systematischer und seminarorientierter Weise betrieben. Einzelne Köpfe, wie der Direktor des Pommerschen Predigerseminars Dietrich Bonhoeffer und die Häuser, in denen die Kurse stattfanden, haben sich tief in das kollektive Bewusstsein der Landeskirchen eingeschrieben.


Nordelbien

Für die Nordelbische Kirche war es in erster Linie das Predigerseminar in Preetz, ein extra für die Ausbildung erbautes Gebäude, das 1896 in Betrieb genommen wurde und vor seiner Schließung noch sein 100. Jubiläum feiern konnte. Im Jahr 2007 zog das Predigerseminar von Preetz nach Ratzeburg. Gleichzeitig wurde auch die Diakonisch-Theologische Ausbildungsstätte von Preetz nach Hamburg (zur Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie "Das Rauhe Haus") verlegt und in einen anderen Ausbildungsgang integriert.
Das Predigerseminar in Preetz war vorher die Keimzelle für drei zusätzliche Seminargründungen, die die starken Absolventenjahrgänge in den 70er und 80er Jahren aufnahmen und ausbildeten (Breklum, Rissen, Hamburg-Hauptpastoren). Sie wurden nach und nach wieder geschlossen. Zuletzt halbierte im Jahr 2007 auch das Preetzer Seminar seine Ausbildungskapazität von 2 auf 1 Vikariatskurs pro Jahr. Die Geschichte der nordelbischen Vikariatsausbildung wurde in einer Festschrift (Hg. Gothard Magaard) ausführlich beschrieben. Hier finden sich auch die Namen aller Vikarinnen und Vikare der Jahrgänge 1950 bis 1996.

Inhaltsverzeichnis der Festschrift (alle Artikel stehen für den Download zur Verfügung )

Festrede von Regionalmentor Klaus Eulenberger zum Abschied von Preetz
Bilder zur Festrede - Powerpoint-Präsentation - ca. 38 MB
TV-Beitrag über das Konzept der Vikarsausbildung in Preetz (mit Link) eingebunden in YouTube

Preetz PredigerseminarPreetz Predigerseminar


Mecklenburgische Landeskirche

In der mecklenburgischen Landeskirche sind es mehrere Gebäude, die die Vikariatsausbildung beherbergt haben; zwei Orte in Schwerin (Apothekerstraße und Graf-Schack-Allee (ab 1994)) und am Schweriner See (Rampe ab 1990) gingen dem Einzug in das Kirchliche Bildungshaus Ludwigslust voraus. Hier wurden seit 2005 auch die Kandidatinnen und Kandidaten der Pommerschen Landeskirche ausgebildet. Die relativ kleinen Lerngruppen von selten mehr als 9 Vikarinnen und Vikaren mögen für das Erleben der Gruppendynamik ein wenig zu klein gewesen sein, dafür wuchsen die Gruppen durch die gemeinsam zubereiteten Mahlzeiten und die etwas engeren räumlichen Gegebenheiten im alltäglichen Miteinander eng zusammen. Eine Bewirtung zu den Mahlzeiten zählte meistens nicht zu den Ausstattungsmerkmalen des Predigerseminars der ELLM. Die Bibliothek und die technische Ausstattung mit Beamer, Internet-Arbeitsplatz, Freinet-Werkstatt und Godly-Play Raum rundeten dafür das religionspädagogische Angebot ab. Hier erwies es sich als vorteilhaft, mit dem TPI Ludwigslust (Theologisch-Pädagogisches Institut) und der Pastorenweiterbildung in einem Haus untergebracht zu sein.

Robert Havemanngesellschaft, Quelle: Peter WinsierskiFoto: Peter Winsierski


Pommersche Landeskirche

Die pommersche Landeskirche versteht sich als Erbin der ehemaligen Pommerschen Landeskirche in den Grenzen vor 1945 – also auch des östlichen Teils, der heute zu Polen gehört. Hier war das berühmteste Predigerseminar der Bekennenden Kirche untergebracht, das von Dietrich Bonhoeffer (Finkenwalde) geleitet wurde und in dem auch ein kommunitäres Leben unter den (durchweg männlichen) Vikaren gepflegt wurde. Bonhoeffer hat es in seiner Schrift „Gemeinsames Leben“ entworfen.

Wo sich einst das Predigerseminar Finkenwalde befand, sind heute nur noch einzelne Bäume und ein Holzkreuz zu sehen. Dieser Ort wird derzeit mithilfe von Spenden - auch von Gemeinden der Nordkirche - zur Gedenkstätte ausgebaut.

Seit mehr als 15 Jahren gibt es keine eigenständige Vikariatsausbildung mehr in der Pommerschen Evangelischen Kirche (PEK). Zunächst wurde eine Kooperation mit der Brandenburgischen Landeskirche eingegangen, dann mit Mecklenburg.

c.: www.niemoeller-haus-ausstellung.dePredigerseminar der Bek. Kirche, Finkenwalde (jetzt Polen) mit D. Bonhoeffer (r.).